Schwesterherz

Das Geräusch von Fäusten, die auf Glas treffen, weckt mich. Es ist nicht besonders laut, aber rhythmisch regelmäßig genug, um mich in meinem ohnehin leichten Schlaf zu stören. Es hört nicht auf. Immer wieder scheinen kleine Fäuste gegen das dünne Glas meiner Balkontür zu hämmern. Langsam, ganz langsam schärfen sich meine Sinne. Ich bin zwar ein Nachtmensch, aber um halb fünf Uhr morgens würde kein normaler Mensch gegen meine Tür pochen. Ich richte meinen Blick angespannt vom Wecker auf meiner Kommode zum Schreibtisch, auf welchem immer noch die Hausaufgaben für Montag liegen und lasse ihn dann vorsichtig in Richtung Balkontür wandern. Mit dem Schlimmsten rechnend, schärfe ich den selbigen.

Zugegeben, der Anblick einer Achtjährigen, in schneeweißem Nachthemd und leeren, schwarzen Augen, hätte den meisten Menschen wahrscheinlich einen Herzstillstand beschert. Ich persönlich habe mich aber daran gewöhnt. Das „Wesen“, welches an die Scheibe pocht, ist meine kleine Schwester. Sie ist seit ihrer Geburt blind. Ihre dunkelbraunen Augen wirken bei schwachem Licht fast schwarz. „Geh schlafen Amy!“ flüstere ich ihr kaum hörbar zu. Ihr Gehör ist extrem gut ausgebildet. Es ist kaum möglich, etwas zu sagen, ohne, dass sie es mitbekommt. Ich weiss nicht, wie sie es schafft, komplett, ohne irgendetwas zu berühren, durch unsere Wohnung navigiert, aber sie kann es. Sie hat sich noch nicht ein einziges Mal verletzt. „Ich hatte einen schlimmen Traum. Kann ich bei dir schlafen?“ flüstert sie mir entgegen. „Nein. Geh wieder schlafen!“ „Bitte.“ jammert sie. „Also gut. Warte kurz.“ Genervt stehe ich auf.

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